Carlos Kühn

Berliner Bibliophilen Abend
   
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Zur Erinnerung an Carlos Kühn  

Nach kurzer schwerer Krankheit starb am 3. August 2010 in Berlin unser Mitglied, der Antiquar Carlos Kühn im Alter von 82 Jahren. Er verkörperte im gewissen Sinne viele Jahrzehnte (West)Berliner Antiquariatsgeschichte. Nach einem Studium an der Freien Universität begann er seine Antiquariatstätigkeit bei der Galerie Gerd Rosen, dann der Galerie Bassenge und kam über ein Düsseldorfer Intermezzo zum Antiquariat Carl Wegner in der Martin-Luther-Straße, das er 1972 übernahm. Die räumliche Nähe zum Rathaus Schöneberg und dem dort ansässigen Abgeordnetenhaus und Senat wirkte sich positiv auf die Entwicklung des Ladengeschäfts aus. Wehmütig berichtete Carlos Kühn in späteren Jahren davon, wie bei der Öffnung seines Geschäfts am Montag manchmal schon die ersten Kunden vor der Ladentür standen, die von den gewöhnlich am Wochenende neu dekorierten Schaufenstern angelockt worden waren. Schon früh war er Mitglied des Berliner Bibliophilen Abends nach dessen Wiederbegründung geworden, später auch der Pirckheimer-Gesellschaft. Kontakte mit bibliophilen Freunden waren ihm bis zuletzt sehr wichtig, auch wenn sie keine Kunden waren. Bescheidenheit und Diskretion waren ihm wichtige Werte; er betrachtete sich stets als Vermittler und auch Helfer, und freute sich, wenn er, aus seinem reichhaltigen Wissen schöpfend, anderen Bibliophilen Informationen und Hinweise geben konnte. Vielen damals jungen Antiquaren stand er als Ratgeber, Helfer und Preisfinder zur Seite. Seine Kataloge waren immer präzise recherchiert und mit vielfältigen Anmerkungen versehen. Ich habe keinen anderen Antiquar so oft wie ihn im Katalograum der Universitätsbibliothek der FU Berlin getroffen, wo er in seiner eleganten, unverwechselbaren Schrift Karteikarte über Karteikarte beschrieb. Viele Berliner Sammler werden Bücher mit seinen charakteristischen Einträgen – er pflegte die Preise zu verschlüsseln – oder gar Briefe von ihm besitzen. Bei näherer Bekanntschaft überbrachte er in diesen Briefen auch gern Grüße oder Dank in selbst gereimten Versen zum Ausdruck.
Leider mußte Carlos Kühn im Alter auch noch die negativen Veränderungen der Berliner Antiquariatsszene miterleben. Der Wegzug der Verwaltungen aus dem Rathaus Schöneberg nach der Einheit entriß dem Ladengeschäft viele Kunden und verstärkte die wirtschaftliche Krise, die durch die zunehmende Verlagerung des Antiquariatsgeschehens ins Internet beschleunigt wurde. Ein Raubüberfall, bei dem er in seinem Laden niedergeschlagen wurde, war der Tiefpunkt seines Antiquariatslebens. 2002 übergab er den Laden an Mathias Proksch.
Seine – leider seltenen – Vorträge waren nur scheinbar amüsante Plaudereien, die aber immer mit exakten Hinweisen, reichhaltigem Anschauungsmaterial und umfassenden Kenntnissen unterlegt waren. Einen guten Eindruck davon vermittelte sein – nun letzter Beitrag – über Gottfried Benns Briefwechsel mit Alfred Richard Meyer im letzten Heft. Wer noch mehr aus Kühns Feder lesen will, dem sei sein Beitrag in dem Buch von Jürgen Holstein Bücher, Kunst und Kataloge empfohlen, in dem Kühn Erinnerungssplitter eines Katalog-Liebhabers ausbreitet. Wehmütig stimmt der dort abgebildete Umschlag seines Katalogs vom Herbst 1989, dessen Umschlag ein Selbstporträt des Antiquars schmückt: Carlos Kühn bei einem Glas Rotwein in seinem Laden. Tempi passati!

(Wolfgang Kaiser)

 
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